Faszination Urbex

Diesen Artikel habe ich als Gastbeitrag für den Schwarzen Planeten verfasst, um über die Faszination von „Lost Places“ zu schreiben. Ich nahm die Aufgabe damals mit Begeisterung an, um meine Passion einmal anderen näher bringen zu können. Allerdings musste ich beim Sortieren meiner Gedanken recht schnell feststellen, dass ich das gar nicht so in drei bis vier Worten ausdrücken kann, da die ganze Sache beim genaueren Hinsehen doch recht vielschichtig ist.

Shot in an abandoned hospital bunker in Germany

Mercy Seat

Zunächst ist zu erwähnen, dass es mittlerweile eine kleine aber feine Gemeinschaft Gleichgesinnter gibt, die sich mit auf Neudeutsch „Urban Exploring“ intensiver auseinandersetzen. Der überwiegende Teil dieser Entdecker dokumentiert die besuchten Örtlichkeiten fotografisch und veröffentlicht diese oftmals im Internet entweder auf eigenen websites, blogs oder in foto-communities. Es gibt dabei kaum eine Differenzierung zwischen den Geschlechtern, Männlein und Weiblein scheinen gleichermaßen vertreten zu sein.
Meistens werden die Lokalitäten wie geheime Schätze gehütet, und Informationen über die genaue geografische Position und Möglichkeiten, in die oftmals verschlossenen Anlagen hereinzukommen, sind oft nur nach Aufbau eines Vertrauensverhältnisses untereinander zu bekommen oder natürlich auch durch eigene Recherchen.

Shot in an abandoned asylum in New York State

Wheelchair

Seit ich vor ca. fünf Jahren die ersten Fotografien von verlassenen und aufgegebenen Industrieanlagen, Krankenhäusern, Bunkern etc. bewusst wahrgenommen habe, war ich ziemlich schnell gefangen in meiner Faszination. Das war fast wie damals mit 16, als ich zum ersten Mal im Logo in Koblenz mit den Sisters, Siouxsie, Dead Kenny’s, Bauhaus und Konsorten geimpft wurde.

Seitdem habe ich viele (aber nie genug) solcher modernen Ruinen besucht, ausgekundschaftet und fotografiert. Wenn ich neuen Freunden und Bekannten von diesem Hobby erzähle, rümpfen viele, die damit noch nie zu tun hatten, erstmal die Nase. „Was findest Du denn an diesen Schrotthaufen?“. Wenn ich Ihnen dann ein paar Resultate meiner Entdeckungsreisen in Form von Fotos zeige, wird oft aus Verwunderung sogar Bewunderung, und sie beginnen zu begreifen, was mich so fasziniert… Was ist es also, was die Sache so spannend macht?

Dentist chair in abandoned hospital

Dentist Chair

Das, was sich insbesondere beim Betrachten von entsprechenden Fotografien offenbart, ist zunächst der scheinbare Gegensatz von Zerfall und Schönheit, der sich jedoch schnell auflöst und zu einer bizarren Kunstform verschmilzt. Viele Explorer, die ich kenne, sind in der Tat gute und talentierte Fotografen, die es verstehen, genau diese Antipoden geschickt einzufangen, darzustellen und zu betonen.




Leftovers in an abandoned prison in New Jersey

Escaped Naked

Aber die Sache geht denke ich weitaus tiefer.
Da ist zum einen die Entdeckungslust, die tief in jedem Menschen drin steckt, aber nur selten in der allzu gesättigten Gesellschaft nach außen dringt, wenn man mal die unbeschwerten Zeiten der Jugend und „Reife“ hinter sich gelassen hat. Hinzu kommt der Thrill, etwas „Verbotenes“ und potentiell auch Gefährliches zu tun, da die Örtlichkeiten oftmals in Privatbesitz sind und konsequenter Weise auch manchmal vom Einsturz bedroht sind. (Ich für meinen Teil bevorzuge allerdings meine Entdeckungsreisen mit der Erlaubnis der Besitzer oder Verwalter anzutreten, das klappt allerdings leider nur allzu selten) Tatsächlich hat es auch schon den einen oder anderen fatalen Unfall gegeben. Es ist also definitiv Vorsicht geboten, und manche Schritte sollten wohlüberlegt sein.
Eine Gefahr ganz anderer Art ist dann natürlich dann auch noch die liebe Staatsgewalt, die zu Weilen das unerlaubte Betreten der Gelände ahndet, sofern man erwischt wird. Auch ich habe schon eine solche unangenehme Erfahrung gemacht, dies soll aber das Thema einer Fortsetzung dieses Artikels sein.

Intersection of service tunnels in an abandoned German Bundeswehr Bunker

Crossroads

Eine ehemals von Menschen benutzte, nun aber komplett verlassene Stätte ist wie ein lebensechtes Videospiel, bei dem man durch Gänge und Räume streunt, um nach einem noch unbekannten Etwas zu suchen, ein vergessenes Relikt, das nächste Motiv.
In der Tat ist es extrem spannend sich auf den Spuren früherer menschlicher Aktivitäten und Aufgaben zu bewegen, und dabei auf zurück gelassene Ausrüstung und Maschinen oder auch Trivialitäten – die kleinen Details, wie zurück gelassene Schuhe, Bücher, usw. zu stoßen Dabei entfaltet sich Geschichte im Kleinen, dafür aber live und in Farbe (sofern denn genug Licht vorhanden ist,-).
Urban Explorers konservieren somit mit Ihren Fotos oftmals Vergangenheit, dokumentieren den Zerfallsprozess und hinterlassen manchmal die letzten Beweise ehemaliger Strukturen. In der Tat werden viele der alten Gebäude früher oder später abgerissen, wenn sie nicht in Museen verwandelt werden, was allerdings nur in den seltensten Fällen passiert. Allerdings gibt es neben Verwitterung und Abrissbirne leider auch noch andere destruktive Kräfte wie stupider Vandalismus.

Door to a WW II bunker of the Maginot Fortification, France

Gate to Hell

Dies alles wichtige Faktoren in der Gleichung, doch das Hauptmotiv hinter Urban Exploring, zumindest für mich, ist denke ich tatsächlich ein Romantisches. Der Drang zum Obskuren, die Flucht vor Rationalität, das Bewusstmachen von Vergänglichkeit (nebenbei bemerkt: ich fotografiere auch sehr gerne auf Friedhöfen) sind klassisch romantische Themen.

Old Piano in an abandoned theater

Piano Ghost














Diese romantischen Eindrücke sind trotz des Stigmas des Verfalls und Maroden auch der breiten Masse eingängig, so dass tatsächlich beispielsweise verlassene Industrieanlagen mehr und mehr auch als Kulissen für Modefotografie, Kinofilme, Plattencover etc. dienen.

Staircase in an abandoned Theater in Brooklyn/NY

Foyer

Und somit schließt sich der Kreis: Wir sind alle hoffnungslose Romantiker, nur die Arten, diese Gedanken und Gefühle auszuleben und auszudrücken, unterscheiden sich.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Euch die Faszination „Urban Exploring“ etwas näher bringen konnte.
















URBEXERS AGAINST VANDALISM

One Response to “Faszination Urbex”

  1. Dulce 14. August 2012 14:20 #

    great post

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